Gambia – zurück zu den Wurzeln

„Roots“ hieß die Endlos-TV-Serie von Alex Haley, in der ich als Teenager Ende der 1970er-Jahre das erste Mal die Gräuel der Sklaverei vor Augen geführt bekam. Kunta Kinteh – der Vorfahre des Autors – wurde von skrupellosen Sklavenhändlern aus seinem Dorf im westafrikanischen Gambia entführt. Das Roots Festival, das jährlich im Gedenken daran stattfindet ist der Grund meiner Reise.

Mehrere dicke Bäume mit weißem Stamm und Ästen, die wie Wurzeln in die Luft ragen

Westafrika. Nur knappe sechs Stunden dauert der Flug von Brüssel nach Banjul. Das Festival wurde zwar inzwischen abgesagt, trotzdem bin ich begeistert: ein englischsprachiges Land so nahe an Europa, großartig. Näher betrachtet besteht es hauptsächlich aus Ufern, nämlich jenen nördlich und südlich des Gambiaflusses, und der Küste an der Flussmündung, wo der Atlantik weiße Sandstrände umspült. Eben diese Strände sind das Ziel der meisten Touristen. Der Atlantik ist milde, die Hotels und Restaurants an der Flaniermeile sind angenehm und erschwinglich, der Islam zwar vorherrschend aber entspannt wie auch die politische Lage, und das lokal gebraute Julbrew-Bier ist billig und gut.

Selbst kochen statt All Inclusive

Eine Gambierin in grünem Kleid mit passendem Kopftuch präsentiert einen Teller mit DomodaSeit All Inclusive Clubs per Gesetz verboten wurden, profitieren viele Gambier vom Tourismus. Sie fertigen und verkaufen Souvenirs, betreiben Bars und Restaurants oder bieten sich als Guide oder Gigolo an. Bumsters heißen hier die jungen Männer, die sich vorwiegend nach blassen Damen meiner Altersklasse umsehen, mit dem Ziel sie rundum glücklich zu machen. Obwohl es viele von ihnen gibt, hält sie ein klar ausgesprochenes „NO“ auf Distanz. Mir persönlich ist Ida Cham Njai viel lieber. Ich habe einen Kochkurs bei ihr gebucht. Dass ich mich dazu verkleiden muss, hat mir vorher niemand gesagt. Nun stecke ich in einem leuchtend bunten Kostüm und trage einen gigantischen Turban, den mir Ida mit drei Griffen auf den Kopf gezaubert hat. Meine Kamera in der Hand folge ich ihr auf den Markt, auf dem wir um die Zutaten für Domoda, einen Eintopf aus Fisch oder Fleisch, Gemüse und einer scharfen Erdnusssauce feilschen. Mein Aufzug wirkt. Dort wo ich am Tag zuvor in Shorts und T-Shirt für’s Fotografieren verflucht wurde fange ich mir heute von den Marktfrauen ein Lächeln ein. In Idas Hof stampfen wir Chillis und Porträt von Ida und der Autorin in  gambischer TrachtUnmengen an Erdnüssen, schneiden Auberginen, Tomaten und sonst noch allerlei und schmoren es auf einem kleinen Kohleofen zu einem köstlichen Mahl. Dabei lausche ich andächtig Idas Geschichten über ihre Kindheit, ihre vier Geschwister, ihre Karriere in der Hotellerie, ihr soziales Engagement und die Pläne, neben den Kochkursen demnächst auch Gästezimmer anzubieten, um den Besuchern das echte Gambia zu zeigen.

Kolanüsse für Sandele

Ein einsamer Sandstrand, Meer bis zum Horizont, blauer HimmelAls ich Geri Mitchell und Maurice Phillips in ihrem Sandele Eco Retreat besuche, freue ich mich gleich wieder. Die beiden haben sich nach einem Arbeitsleben in England nach Wärme und einer sinnvollen Aufgabe gesehnt. Das Leben in Afrika interessierte sie ebenso wie der Umgang mit alternativer Technologie. Hoteliers wollten sie nie werden. Und doch, nicht einmal ein Jahr nachdem sie gambischen Boden zum ersten Mal betreten hatten leiteten sie ein kleines Hotel in der Stadt. Auf den Geschmack gekommen suchten sie bald danach eine geeignete Anlage an der Küste, konnten aber nichts finden, was ihren Vorstellungen entsprach. Durch puren Zufall stieß Geri im Jahr 2003 am südlichsten Zipfel von Gambia auf Kartong, ein Dorf an einem meilenlangen, verlassenen Sandstrand. Die Dorfbewohner waren arm, Jobs, Fließwasser, Strom oder rosige Zukunftsaussichten hatten sie keine. Binnen ein paar Monaten ließen Geri und Maurice den Dorfältesten Kolanüsse überbringen und folgten damit der traditionellen Prozedur einer Geschäftsanbahnung. Das Geschenk wurde angenommen, ein Pachtvertrag auf 25 Jahre abgeschlossen, und so konnten sie mit ihrem Ökohotelprojekt loslegen.

So muss Öko

In einer aus Lehmziegeln gebauten Raum mit Kuppel steht ein Himmelbett mit HolzelementenHeute ist das Sandele Eco Retreat ein Paradebeispiel für Nachhaltigkeit. Die Ferienanlage steht bewusst in einem Respektsabstand zum Strand. Sie wurde gemeinsam mit Handwerkern aus dem Dorf gebaut und ist seit 2007 fertig. Die Ziegel hat das Team mithilfe einer mechanischen Ziegelpresse aus Erde selbst gefertigt. Die Idee holte sich Maurice in Auroville in Indien. Bis auf den sehr geringen Zementanteil stammen alle Baumaterialien aus einem Umkreis von fünf Kilometern. Selbst die imposanten Möbel wurden aus Treibholz gezimmert. Statt Holzdächern wurden Kuppeln konstruiert, Arkadenbögen und Windtürme sorgen für die natürliche Kühlung der Zimmer und Lodges. Die Innenwände sind mit Kalk bestrichen, den die Frauen in Gambia traditioneller Weise aus den in Hülle und Fülle verfügbaren Austernmuscheln gewinnen. Ein Kühlraum unter der Erde und LED-Lampen in der ganzen Anlage helfen die Energieeffizienz in Sandele zu optimieren. Zwei Windräder und eine Photovoltaikanlage decken den Strombedarf. Die Biotoiletten, bei denen statt Wasser Sandelholzspäne verwendet werden, haben laut Geri schon manchen amerikanischen Gast in Schock versetzt, die meisten stört diese – übrigens geruchsfreie – Lösung nicht. Am meisten begeistern mich jedoch das 27-köpfige Team von Sandele. Die meisten von ihnen stammen aus Kartong, und die Freude und Begeisterung die sie am Umgang mit ihren Gästen haben macht die entspannende Atmosphäre von Sandele perfekt.

Yoga, Federn und Kultur

Zwei schwarzweiße Tokos teilen sich eine rote BeereDem Gezwitscher entkommt man nicht. Viele Besucher zieht es genau deshalb nach Gambia. Ausgerüstet mit Fernglas und superlangem Tele auf der Kamera sieht man sie schon im Morgengrauen zu ihren Beobachtungstouren aufbrechen. 600 Arten von kunterbunt bis perfekt getarnt gilt es zu entdecken. Sandele beschäftigt gut ausgebildete Guides aus der Umgebung, deren Repertoire von Kappengeiern bis zu Kolibris reicht und die auch gerne einmal zu einer Vogelsafari mit dem Einbaum einladen. Geri selbst hat es auf die Yogaschiene verschlagen. „Immer öfter steht sie mit ihren Gästen auf einem Bein in ihrem Yogagarten“, grinst Maurice, der sich über den Andrang zu den Workshops freut. Der kleine Shop der Lodge funktioniert nach dem Fair-Trade-Prinzip. Alle Stücke, sei es Batik, Schmuck oder Kleidung, sind mit den Namen der Künstler versehen, die den Erlös erhalten. „Made in China gibt es hier nicht“, freut sich die junge Verkäuferin als sie einen besonders schönen handgewobenen Stoff vor mir ausbreitet. Viele der Künstlerinnen kommen aus dem nahe gelegenen Dorf. Die Familien, die dort wohnen freuen sich immer über einen Besuch, nicht zuletzt weil die Sandele Stiftung ständig in den Bereichen Infrastruktur, Ausbildung, Umweltschutz und Aufforstung aktiv ist und auf diese Weise den Lebensstandard für die Bewohner merkbar verbessert.

Grüne Aussichten

Jato  und die Autorin - im Hintergrund das MeerDie Perspektiven für einen vernünftig gestalteten Tourismus in Gambia sind gut. Organisationen wie ASSET, die kleine Betriebe – von Souvenirhändlern über Taxifahrer bis zu Obstverkäufern – auf eine ökologisch nachhaltige Weise fördern, tragen maßgeblich dazu bei. Die britische Initiative „Gambia is Good“ unterstützt armutsgefährdete Kleinbauern beim Vertrieb ihrer frischen Produkte an lokale Restaurants und Hotels, die in der Vergangenheit aus Qualitätsgründen ihr Gemüse importierten. Um Armutsbekämpfung geht es auch dem jungen Team von Eco-Travel Gambia (ETG). Die Ausarbeitung von Volunteering- und Agrotourismus-Angeboten, sowie die Ausbildung der Landjugend als Maurer, Tischler oder Imker sind ETG ebenso ein Anliegen wie der Bau einer Musikschule in Gunjur (Südgambia) wo die Jugend die Gelegenheit bekommt, das Spiel auf der Kora, einem Saiteninstrument, zu erlernen und längst vergessene Traditionen wieder zu beleben. Sechs lustige Leute aus dem Sandele Team tanzen zum Abschied CancanWichtig ist ETG die Förderung von Dorftourismus am Fluss. Ein schwieriges Unterfangen, denn der Gambia reicht von der Küste fast 500km ins Innenland. Nicht viele der Gambiabesucher nehmen sich die Zeit ihn zu erkunden, sind doch die Straßen aufgrund der harten Regenzeiten oft in erbärmlichem Zustand, gleichzeitig mangelt es an regelmäßigen Schiffsverbindungen. Wie viele andere in der Tourismusbranche hofft ETG auf die Unterstützung der Regierung, was die Belebung dieser Region anbelangt. Arbeitslosigkeit und Armut könnte damit wirkungsvoll bekämpft werden. „Verantwortungsvoller Tourismus ist die beste Form von Tourismus für Gambia“, ist sich Omar Jammeh, genannt Jato sicher, der bei unserem Meeting die ETG vertritt, „Die Reisenden erleben das Land auf authentische Weise und fördern gleichzeitig Menschen und Umwelt“.

Auf Wurzelsuche

Zwei Frauen, zwei Jungen und ein Mädchen in einem Gebäude aus SteinAls ich später in der Woche den Fluss hinauf zum Heimatdorf Kunta Kintehs, Jufureh, aufbreche, wird das zum Antiklimax. Der Anfang ist vielversprechend: an der Denton Bridge in Banjul besteige ich ein kleines Boot und mache es mir unter dem Sonnensegel gemütlich. Die Fahrt führt an den Mangroven entlang und ich staune über die Millionen von Austern, die sich an die Mangrovenwurzeln klammern. Ehe wir anlegen bekomme ich von der strahlenden Schiffsköchin noch ein köstliches Menü serviert: gegrilltes Huhn mit Kartoffelsalat. Doch in dem Moment als ich den Steg von Jufureh betrete artet der Ausflug in einen unsympathischen Zirkus aus, mit bettelnden Kindern, jungen Müttern, die ihre Babys in die Kamera halten wollten und stolzen alten Frauen, die kopierte Pseudo-Urkunden feilbieten auf denen von „Ich war in Jufureh“ bis zu „ich habe 5 Euro gespendet“ alles mögliche bekundet wird. Immerhin, aus dem Jugendzentrum tönt Trommelmusik und einige Mädchen im Volksschulalter zeigen ihre verrücktesten Tanzfiguren. Roots, also Wurzeln, habe ich gottlob schon in Idas Kochtöpfen gefunden!

Infos & Links: Brussels Airlines (www.brusselsairlines.com) bietet komfortable Verbindungen zwischen Brüssel und Banjul. Charterflüge werden in der Hauptsaison von November bis April angeboten. Die Kocherlebnisse mit Ida Cham Njai finden sich unter www.gambiahomecooking.com im Netz. Das viel prämierte Sandele Eco Retreat in Kartong (www.sandele.com) ist im hochpreisigen Segment angesiedelt. Für knappere Budgets empfiehlt sich die Footsteps Eco Lodge in Gunjur (www.footstepsgambia.com).Bei Eco-Travel Gambia (facebook) ist man in guten Händen, was die Urlaubsgestaltung anbelangt: herzliche Begegnungen mit den Menschen aus den Dörfern und sorgsam gewählte Naturerlebnisse sind die Stärke dieser nicht gewinnorientierten lokalen Organisation. Infos über die Mitglieder der Association for Small Scale Enterprises (ACCESS) sind unter www.asset-gambia.com abrufbar. Die Reise erfolgte auf Einladung des Fremdenverkehrsamtes Gambia www.visitthegambia.gm/german.

(Fotos: Susanna Hagen)

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Eine Antwort zu “Gambia – zurück zu den Wurzeln

  1. Ich war dieses Jahr das erste Mal in Afrika und erinnere mich deshalb an so manches, was ich hier lese, guter Beitrag!

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