Soziales Reisen – Prägende Erlebnisse im Urlaubsland

Die moderne Tourismuswelt macht es Reisenden bequem: Sie müssen sich im Urlaub nicht wie in der vortouristischen Zeit vorwiegend um die Befriedigung ihrer Grundbedürfnisse – ein Dach über dem Kopf, Essen im Bauch, ein weitgehend sicheres Umfeld – kümmern. Auch Geschichte, Kultur und Sehenswürdigkeiten werden rundreisegerecht durch geschriebene oder humane Reiseführer serviert. Zunehmend erklimmen die Reiseströme nun die nächste Stufe der Bedürfnispyramide. Urlaub muss nun Sinn machen und als Bühne für Selbstverwirklichungswünsche dienen. Nicht nur authentischer Kontakt zur einheimischen Bevölkerung ist gefragt, man möchte auch „Etwas zurückgeben“. Gut gemeint heißt dabei nicht immer auch gut gemacht.

Jugendliche unterhalten sich mit Mönchen - Laos

Es wäre fatal, einem jungen Menschen, der vom Schicksal gebeutelten Kindern in anderen Ländern etwas Gutes tun möchte, böse Absichten zu unterstellen. Reisende erteilen freiwillig Englischunterricht, renovieren Schulen, spielen mit den Kleinen oder bringen Geschenke. Stolpersteine gibt es dabei viele.

Fallstricke zuhauf

Oft ist bei Freiwilligeneinsätzen der Zeithorizont zu knapp bemessen, sodass eine – gerade für Kinder wichtige – soziale Bindung kaum stattfinden kann. Zusätzlich sind die Verlässlichkeit und die Regelmäßigkeit von Freiwilligenaktionen kaum zu gewährleisten. Wenn andererseits die Häufigkeit der Kontakte ein gesundes Maß übersteigt und nicht der Gast, oder auch die Gäste, sinnvoll in den Alltag der Kinder eingebunden werden, sondern umgekehrt die Kinder in den Reiseplan der Reisenden, dann wird es kritisch. Schließlich besteht immer die Gefahr, dass im Geschäft mit der Freiwilligkeit nur ein lokales Ambiente genutzt wird, um dem Reiseveranstalter Profit zu ermöglichen. Die Bühne hat bereit zu sein, wenn die Darsteller kommen. Kinder sind dann häufig die Komparsen, Waisenhäuser und marode Schulgebäude die  Ausstattung. Die Persönlichkeitsrechte der Kinder finden in vielen Angeboten nicht ausreichend Berücksichtigung. Auf dem im Internet geteilten Selfie ist neben dem Reisenden auch meist das Kind zu sehen – vermutlich meist nur mit kindlich naivem, still schweigendem Einverständnis und ohne die Reichweite der Aufnahme abschätzen zu können.

Die Leitfrage, die leider viel zu selten berücksichtigt wird, lautet: Was würde geschehen, wenn sich alle so verhielten – die Ausnahmesituation also zur Regel würde?

Gute Ideen sind Mangelware

Im besten Fall würde die Antwort auf die genannte Frage lauten: Die Welt würde besser, der Freiwilligendienst brächte Vorteile für alle bei möglichst geringen negativen Einflüssen. Seriöse Anbieter von „Voluntourism“-Reisen beachten vor allem drei Faktoren: Sie planen ausreichend Zeit ein für einen ernsthaften und sinnvollen gegenseitigen Austausch. Sie sind sehr gründlich und kritisch in der Auswahl der Bewerber –und lehnen auch schon mal einen potenziellen Kunden ab, wenn sie diesen als ungeeignet erachten. Außerdem  erstellen sie gemeinsam mit lokalen Partnern Programme, die Probleme adressieren für deren Lösung die lokale Gemeinschaft externe Hilfe benötigt und wünscht. Kluge Fragen, die sich potenzielle Freiwillige stellen sollten lauten: Was macht gerade meinen Beitrag wertvoll? Kann eine lokale Person die gestellten Anforderungen womöglich genauso gut oder gar besser erfüllen als ich? Welche Erwartungen habe ich an meinen Aufenthalt und gehe ich für mein Ego oder für den Dienst am Gemeinwohl? Schlussendlich bleibt die Frage: (Warum) muss es unbedingt ein Einsatz während einer Reise sein; Ist nicht ein Mithelfen in meiner eigenen Gemeinschaft viel zielführender? Oder kann beispielsweise das Engagement in einem Flüchtlingsprojekt eine wertvolle interkulturelle Vorbereitung auf einen Auslandseinsatz sein?  Wenn alle diese Aspekte nach reiflicher Überlegung positiv beschieden wurden, dann bietet Voluntourismus große Potenziale. Vor allem, weil dann einheimische Freiwillige und Mithelfer von außerhalb gemeinsam die zu bewältigen Aufgaben angehen können.

 

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