Kosovo darf nicht sterben!

Ein liebevoll restauriertes Hotel in historischem Gemäuer bewahrt ein vom Aussterben bedrohtes Dorf in den bulgarischen Rhodopen vor dem Vergessenwerden.
Das Kosovo Gästehaus der RavelasHeimat ist, wohin man geht, wenn einem die Orte ausgegangen sind. Das ist hinein interpretiert in die Geschichte der Familie Ravela, zugegeben. Aber der Gedanke liegt nahe. Sie hatten lange Jahre im Ausland gelebt, zuletzt zwölf Jahre in Venezuela, Hristo davor auch in der UdSSR. 2003 kaufte das Ehepaar im Bergdorf Kosovo das Anwesen des berühmten bulgarischen Architekten Hadji Georgi Stanchovski. Oder vielmehr das, was davon übrig war: Das Haus – Baujahr 1853 – war eine Ruine, das einst stattliche Dorf hatte kaum noch ein Dutzend Einwohner. Was Hristo und seine Frau Svetlana hier erschaffen haben, kann man getrost als „Leuchtturmprojekt“ im Kampf gegen den Exitus der bulgarischen Dörfer bezeichnen.

Blick über das Dorf Kosovo in BulgarienMein Blick schweift über die alten Häuser, die sich erst bergab, dann – auf der anderen Seite der Hauptstraße – bergauf an die Böschung schmiegen. Mir gegenüber auf dem Balkon, der an den Essbereich angebaut wurde, sitzt Svetlana. Sie lächelt, wissend, so als habe sie schon oft diesen Blick gesehen, der gleichzeitig nostalgisch und nachdenklich ist. „Dass hier vieles in desolatem Zustand ist, hat auch etwas Gutes!“, reißt sie mich aus meinen Gedanken, „Das Dorf ist fast vollständig im Originalzustand erhalten.“ Es ist wohl diese Gabe, das Positive in den Dingen zu sehen, die ihr die Kraft gibt, das zu tun, was sie tut. 100 Häuser gibt es im Dorf, das ein seltenes Exemplar gut erhaltener Rhodopischer Renaissance-Architektur ist. Gerade einmal zehn Einwohner leben heute noch hier. Tendenz sinkend. Der Alterdurchschnitt liegt bei über 70 Jahren. Nur. Die Ravelas wirken verjüngend. Die Küsterin der Kirchengemeinde ist im letzten Jahr gestorben. Sie war 95 Baba-Maria und Hristo Ravela aus dem Dorf Kosovo in BulgarienJahre alt. Eine stolze Frau war sie. Bis zuletzt hatte sie sich geweigert, die Glocke per Seil zu läuten. Stattdessen ist sie die 22 Sprossen der Holzleiter emporgestiegen, immer wenn es etwas zu vermelden gab. Uns lässt Baba Maria auf den Glockenturm steigen. 84 Jahre ist sie alt, mit rötlich schimmernden Haaren und einem Goldzahn, der einen zweifeln macht, ob die noch immer perfekt geschwungene Zahnreihe echt ist oder eine Prothese.

Der Niedergang der Dörfer begann nach dem Krieg, gleich zu Beginn der sozialistischen Ära. Die Männer gingen weg, um im Tal eine Lohnarbeit in der aufstrebenden Industrie zu finden. Ein altes Haus im Dorf Kosovo in Bulgarien„Damals gab es Tausende Schafe und Ziegen, hunderte Kühe“, erinnert sich Baba Maria. „Das Leben war hart, aber gut!“ Damals, als noch regelmäßig Busse hierher fuhren. Die Linie ist schon lange eingestellt. Man behilft sich leidlich, um den Kontakt zur Außenwelt zu erhalten. Das Notwendigste bekommt man im kleinen Laden, der sich an die Dorfkneipe anschließt. „Jeden Abend treffen wir uns dort, um nachzuzählen, ob noch alle da sind“, lacht Hristo und grüßt in die Runde. Zweimal pro Woche kommt das Brotauto, die Post wird geleert und gebracht, sodass zumindest die Rentenbescheide zugestellt werden können. „Es ist harte Arbeit, dafür zu sorgen, dass Kosovo nicht vergessen wird.“ Wasserversorgung, Strom, Telefon und Internet. Die Ravelas haben viel Kraft investiert, um Svetlana Ravela vom Kosovo Guesthouseeine reibungslose Versorgung sicherzustellen. Immerhin ist das eine grundlegende Voraussetzung für den Betrieb ihres kleinen Hotels. „Wenn’s dennoch irgendwo klemmt, klingelt mein Telefon“, sagt Svetlana in einem Ton zwischen genervt und geschmeichelt. Anfangs war man noch skeptisch gegenüber den Zugezogenen und ihren neuen Ideen, die sie im Gepäck hatten. Heute läuft vieles bei ihnen zusammen. Eine Machete war eines der wenigen Mitbringsel aus Südamerika. Die kann man in dem kleinen Dorf, wo sich die Natur Stück für Stück das Kulturland zurückerobert, gut gebrauchen.


Infos zum Hotel – inklusive Vorher-Nachher-Bilder von der Renovierung – und zur Umgebung gibt es unter www.selokosovo.com.

Die bulgarische Agentur Odyseeia-In nutzt das Hotel regelmäßig als Zwischenstopp auf ihren Kultur- und Wandertouren. www.wandernbulgarien.eu

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