Bad Kreuznach – die Stadt mit drei Gesichtern

Meine Geburtsurkunde ist in Bad Kreuznach ausgestellt, aber was heißt das schon? 30 Jahre Abwesenheit sind eine lange Zeit. Das Experiment, für vier Wochen in die rheinland-pfälzische Kreisstadt zurückzukehren, ist allemal reizvoll. Besonders, wenn man sie nun mit anderen Augen sehen kann und genug Zeit hat, sich ein bisschen einzulesen. Ich entdeckte drei verschiedene Gesichter und lade hiermit ein zu einem Spaziergang.

Zeitreise

Vermutlich wissen nur die wenigsten, wo Bad Kreuznach überhaupt ist, geschweige denn… Also von vorne, ein bisschen Geschichte darf schon sein. Die in der Römerzeit als Cruciniacum gegründete Siedlung Kreuznach war mal die drittgrößte Stadt der Kurpfalz und davor Hauptstadt einer Grafschaft – bis 1417 genaugenommen. Vielleicht hat die Prominenz mit der verkehrsgünstigen Lage am Schnittpunkt vieler Fernrouten zu tun. Mitunter aber auch mit den großen Köpfen der Region, die im Mittelalter geistiges Zentrum war: Hildegard von Bingen, Franz von Sickingen und Johannes Trithemius.

Doch Prominenz ist nicht immer ein Segen: Mehrfach war die Stadt belagert und wurde unter Napoleon sogar in den französischen Staat eingegliedert. Danach kam sie zu Preußen und geriet damit in eine absolute Randlage. Dies hemmte die Entwicklung der Stadt – fast bis in heutige Zeit. Die Grenzlage führte dazu, dass das Hinterland im Süden und im Osten durch zwei Zollgrenzen abgetrennt war – zum einen grenzte Kreuznach unmittelbar an Hessen-Darmstadt und wenige Kilometer naheaufwärts standen die Schlagbäume zur bayerischen Pfalz. So kamen dann auch Industrie und Eisenbahn erst 1858 an die Nahe, die nur 20 Kilometer entfernt in den Rhein mündet. Einen interessanten Bürger hatte die Stadt im Jahr 1843, als Karl Marx dort verweilte und Jenny von Westfalen heiratete.

Wein und Berge

Ob sie zu dem kleinen Tempel spaziert sind, ist (mir) unbekannt. Aber zwischen den griechisch-dorischen Säulen sieht man vom höchsten Punkt einer steil ansteigenden Anhöhe im Süden der Stadt genau auf die alten Kirchen und die Kauzenburg in der Innenstadt. Romantik pur, passend zum Baujahr 1840 und zur Umgebung. Weinberge und weitgehend waldlose Hügel liegen direkt hinter der Stadt, in der Ferne sieht man bis zum bewaldeten Höhenzug des Soonwalds.

Doch zeigt dieses Bild nur einen Aspekt der Stadt, ihre Einbettung in ein Gebirgsvorland. Tatsächlich finden sich auf dem Stadtgebiet zwei weitere Landschaftstypen: ein dramatisch aufragendes vulkanisches Felsengebirge am südlichen Stadtrand und eine hügelige Weinlandschaft im Norden und Osten. Auch das Umland ist ein Gebiet des Übergangs, zwischen Mittelgebirge, welligem Hügelland und Rheinebene. Dieses Gebiet „zwischen den Landschaften“ hieß lange Nahegau, erst seit einigen Jahrzehnten wird es – auch aufgrund des 1971 offiziell „Nahe“ benannten Weinbaugebiets – Naheland genannt. Bemerkenswert ist, dass das relativ kleine Anbaugebiet über die höchste Bodenvielfalt aller deutschen Weinbaugebiete verfügt.

Das erste Gesicht: Die Innenstadt

An allen Ecken und Enden atmen die Altstadt, die Neustadt und das Kurviertel Geschichte. Pittoresk grenzen viele alte Straßenzüge direkt an die Nahe oder den in der Stadt endenden Ellerbach. Mitten in Bad Kreuznach findet man noch Weinberge und bewaldete Hänge. Den Bombenschäden und Abrissorgien in der Nachkriegszeit zum Trotz gibt es ein mittelalterlich anmutendes Gewirr von teils sehr schmalen Gassen; eine althergebrachte Straßenstruktur liegt dem Grundriss der Innenstadt zugrunde. Unter dem Schlossberg schmiegt sich innerhalb der fast ganz abgetragenen Stadtmauern ein eng bebautes Viertel rund um die zentrale Achse, die Mannheimer Straße. Verwirrend ist die Bezeichnung als Neustadt, denn vor allem hier ist heutzutage das romantische Altstadtflair zu spüren. Ein paar Fachwerkhäuser, überkragende Häuser, kleine Plätze und Adelshöfe prägen das Bild rund um die St. Nikolauskirche und den Eiermarkt.

Kurios sind insbesondere die Häuser entlang des eingemauerten Ellerbachs, die sich am besten von der kleinen Brücke „Hombes-Briggelche“ zwischen Magister-Faust-Gasse und Schulgasse erleben lassen. Etwas beschönigend werden die inzwischen pastellfarben gestrichenen Häuser über der Ufermauer mit ihren Balkonen als Klein-Venedig bezeichnet.

Aber: Man merkt dem Viertel an, dass es jahrzehntelang vernachlässigt, verhunzt und noch nie richtig saniert wurde. Hübsche Häuser wechseln sich mit durch moderne Fenster, geflieste Wände oder Eternitplatten verschandelte Häuser ab. Oft sind die Fachwerkhäuser verputzt und mancherorts hat man sogar Glasbausteine verbaut. Viele Balkone, Terrassen, Hinterhöfe und schmale Gassen erzeugen statt einer romantischen eine unangenehme Atmosphäre. Viele Läden stehen leer – schwer zu sagen, ob auch alle Häuser bewohnt sind. Fazit: In der Neustadt findet man viel Licht dank der alten Häuser, aber eben auch viel Schatten durch Verschandelung und Vernachlässigung. Kurz: jede Menge verschenktes Potenzial. Das ist das Bild der Neustadt, die mit anderen historischen Stadtkernen ähnlicher Städte nicht mithalten kann.

Ein Symbol für das fehlende Geschichtsverständnis Bad Kreuznachs ist auch die Kauzenburg, eine 1688 von den Franzosen zerstörte Burg direkt über der Neustadt. 1971 wurde die Ruine in modernem Stil überformt. Dafür wurde der bekannte Architekt Gottfried Böhm gewonnen, der eine Glas-Metall-Konstruktion aus bemerkenswerten kubistischen Erkern auf die Mauern setzte; alles wurde in braun und später in weinrot angestrichen.

Die wichtigste und bekannteste Sehenswürdigkeit der Stadt sind die Brückenhäuser Sie stehen auf der Nahebrücke, die die auf einer künstlichen Flussinsel gelegene Pauluskirche mit der Altstadt verbindet. Das älteste Brückenhaus steht seit Jahren leer, was Touristen und Einheimische gleichermaßen irritiert. Das Ensemble aus mehreren Jahrhunderten ist höchst ungewöhnlich, könnte aber eine Freilegung des Fachwerks und mehr Beachtung vertragen.

Östlich der Nahe befindet sich ein Straßenkreuz aus Mannheimer und Kreuzstraße, das an den größten Marktplatz der Stadt, den Kornmarkt, anschließt. Hier befindet sich eine lebendige und geschäftige Fußgängerzone mit mehreren Kaufhäusern und noch immer zahlreichen Fachgeschäften.

Zum Bahnhof hin werden die historischen Häuser seltener, hier dominiert die 50er-Jahre-Architektur mit einigen Bausünden der Nachkriegszeit. Typisches Beispiel ist die breite Wilhelmstraße, eine in der Kaiserzeit angelegte Straßenachse. Neben wenigen Repräsentativbauten der Jahrhundertwende und einigen eleganten Bürohäusern der 50er-Jahre stehen brutalistische Betonklötze oder postmoderne Zweckbauten. Ein Negativbeispiel ist vor allem der zentral gelegene quadratische Bourger Platz.

Die Bahnhofsgegend ist von der neugotischen Heilig-Kreuz-Kirche aus rotem Sandstein geprägt, die am Ende mehrerer Blickachsen gebaut ist. Von diesem Bauwerk abgesehen handelt es sich um eine gesichtslose, lückenhafte und weitgehend unattraktive City, die in einem wilden Architekturmix (vor allem aus Gebäuden der 80er und 90er-Jahre) daherkommt.

Das zweite Gesicht: Die Badestadt

Im 19. Jahrhundert war Kreuznach nur ein preußisches Garnisonsstädtchen. Aufschwung brachte vor allem die Entwicklung als Heilbad. Schon ab 1729 hatte man angefangen, das solehaltige Wasser zur Salzgewinnung zu nutzen – zwei Salinen stellten das begehrte Produkt her.

Von 1816 bis 1897 standen die in Preußen gelegenen Salinen allerdings unter hessischer Regie, sodass die Stadt nichts daran verdiente. Die historischen Gradierwerke, wie die Salinen auch genannt werden, lassen sich noch heute besichtigen. 1817 begann hingegen ein Badebetrieb mit dem Solewasser, die ersten Kurgäste kamen. Den späteren Ruf Kreuznachs als Radonheilbad begründete ein Apotheker ab dem Jahr 1904, als er die Wirkung radonhaltiger Luft entdeckte. In einem Berg wurde ein Stollen als Inhalatorium für Rheumapatienten eingerichtet.

Aus der Kaiserzeit stammen viele Gebäude im Kurviertel, die im Stil der Bäderarchitektur oder als Villen gebaut wurden. Obwohl Weinberge und schroffe Felshänge auf der anderen Naheseite greifbar nahe sind, besitzt das Kurviertel auch heute noch ein mondänes und elegantes Flair, zu dem auch das 1913 erbaute Kurhaus und das Bäderhaus mit seinen Kolonnaden beitragen. In den 1990er Jahren wurde das einträgliche System der kassenärztlich verordneten Kuren reformiert, und aus den traditionellen Heilverfahren wurden moderne Rehabilitationen. Nach einem starkem Rückgang der Kurgastzahlen musste sich der Bad Kreuznacher Kurbetrieb neu orientieren, hin zu mehr Wellness und Gesundheitstourismus.

Im Ersten Weltkrieg war die Oberste Heeresleitung im Kurviertel untergebracht, und 1958 wurde hier zwischen Adenauer und de Gaulle die Grundlage für die deutsch-französischen Beziehungen gelegt. Doch trotz allem: Im 1946 entstandenen Land Rheinland-Pfalz besitzt die Stadt so gut wie keine überregionale Bedeutung, obwohl sie genau in der Landesmitte liegt.

Das dritte Gesicht: Dienstleistung und Industrie

Besonders für das nähere Umland und den Landkreis ist die Kreisstadt ein ausgesprochen lebendiges Mittelzentrum. Die Innenstadt verfügt noch immer über viele Fachgeschäfte und Kaufhäuser, auch zahlreiche Schulen und Kreisbehörden haben ihren Sitz mitten in der Stadt.

Ausgedehnte Industrieflächen, Gewerbegebiete, Bau- und Supermärkte sind fast ausschließlich in der Ebene nördlich der Innenstadt konzentriert, wo eine gute Verkehrsanbindung ans Umland und auch an die Autobahn besteht. Die autogerechten Ausfallstraßen in nordöstlicher Richtung vermitteln einen vollständig anderen Eindruck von Bad Kreuznach als die historische Innenstadt und das von Bäderarchitektur durchsetzte Kurviertel. An die Ausfallstraßen schließen sich die größten Mehrfamilienhausgebiete der Stadt an, die bereits an die sanften Weinberge in Richtung Rheinhessisches Hügelland angrenzen. Im weiteren Verlauf des meist flachen unteren Nahetals ist die Landschaft zersiedelt und von Gewerbeflächen geprägt. Die frühere landwirtschaftliche Nutzung ist stellenweise kaum noch erkennbar.

Ein großes Glück für Bad Kreuznach ist, dass dafür der südliche, der östliche und der westliche Stadtrand immer noch als Stadtgrenze erlebbar sind. Hier kann man die Einbettung der Stadt in die angrenzenden Landschaften und Bergmassive noch immer erkennen. Mitten in der Stadt beginnen Wanderrouten, die in schroffe Felslandschaften und Weinberge führen. Auch das zwischen Bad Kreuznach und der Nachbarstadt Bad Münster liegende Salinental, in dem historische Pumpen und Salzgewinnung inmitten grüner Berge erlebt werden können, ist ein reizvolles Erholungsgebiet.

Mein Resümee

Ist Bad Kreuznach also eine schöne Stadt? Zweifellos gehen hier verschiedene Landschaftstypen auf engem Raum eine reizvolle Verbindung ein. Auch die Kombination aus Kurbad, historischem Stadtkern und funktionaler Industriestadt hat ihren Charme. Es wäre aber wünschenswert, wenn es mehr Sinn dafür gäbe, wie das vorhandene Potenzial der Stadt besser genutzt werden kann.

Was aber feststeht: Es lebt sich gut in dieser 50.000-Einwohner-Stadt, sowohl was das innerstädtische Angebot, als auch was die reizvolle Umgebung angeht. Die (Wieder-)Entdeckung hat sich gelohnt!

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