Behalten Sie mal bitte! Erinnerungskultur in Lettland

Nächstes Jahr soll groß gefeiert werden: Dann begeht die Republik Lettland ihr hundertjähriges Jubiläum. Sie blickt auf eine bewegte Geschichte zurück, der Weg in die Unabhängigkeit war steinig und 1918 konnte erst ein Teilerfolg erzielt werden. Es dauerte nicht lange, bis der kleine Staat im Baltikum mit seinen knapp eine Million Einwohnern erneut zwischen die Fronten geriet. Erst kamen die Russen, dann die Deutschen, danach die Sowjets. 1989 erfolgte die Loslösung von der Sowjetunion und Lettland wurde wieder souverän. Die Museen und Gedenkstätten des Landes gehen mit ganz unterschiedlichen Methoden an die Aufarbeitung. Ein Streifzug durch die Erinnerungskultur.

Leben und sterben

Die Gegend östlich vom Rigaer Hauptmarkt war Schauplatz bitterer Ereignisse. Hier errichteten die Nazis ab 1941 ein riesiges Ghetto, in das Juden aus Deutschland, Österreich und dem Baltikum gepfercht wurden. Durch ein großes Gittertor betritt man das Holocaust- und Ghetto-Museum. Auf großen Plakaten stehen die Namen von Verschleppten, finden sich Informationen zur Organisation der Transporte. Viel Lesestoff.

Eine Halle erinnert an eine Kunstinstallation. Von der Decke hängen überall Würfel herab. Darauf sind Lebensläufe in Kurzform, vom Einschulungsfoto bis zur Sterbeurkunde, zu erkennen. Sie geben dem Grauen dieser Zeit Gesichter, und als ich die Halle durchquere, ist mir, als würden mich diese stets ansehen. Ein sehr emotionales Erlebnis. Im anschließenden Raum sind auf einem Bildschirm originale Filmaufnahmen aus den KZ sehen. Gefangene, die zu Propagandazwecken das »schöne und vorteilhafte Leben in den neuen Judenstädten« vorgaukeln mussten. Die wenigen erhaltenen Fragmente reichen aus, um den systematischen Wahnsinn deutlich zu machen. Aber auch die Nazis hatten Lehrmeister, das wird in einer weiteren Halle klar. Dort wird ein Bogen vom Genozid an den Armeniern in der Türkei zum »Dritten Reich« geschlagen und vermittelt, wie ein Völkermord praktiziert und lange von der Öffentlichkeit ignoriert wurde.

Die kleine Zanis-Lipke-Gedenkstätte im Stadtbezirk Kipsala ist nicht leicht zu finden. Das war einmal ein Vorteil. Verborgen am Ende einer unscheinbaren Sackgasse nahe des Ufers der Düna, konnten dort Dutzende Juden gerettet werden. Dank Zanis und seiner Frau Johanna, die in einer Scheune ihres Obstgartens eine geheime Kammer eingebaut hatten. Aus dem Ghetto geflohene Menschen wurden dort vor den Nazis Der doppelte Boden im Zanis-Lipke-Museum in Rigaversteckt. Neben der originalen, noch als solcher genutzten Scheune steht heute eine Kopie. In der Mitte des Dachbodens gibt ein Schacht den Blick nach unten in die winzige Kammer frei. Auf einem Monitor ist überlebensgroß Johanna zu sehen, die aus ihrer Zeit berichtet. Rund um den Schacht werden in Holzvitrinen Erinnerungsstücke aufbewahrt. Ich sehe Familienfotos der Lipkes, Bilder von Menschen, die sich hier versteckten, Auszeichnungen, mit denen der Mut der Retter gewürdigt wurde. Es ist ein stiller Ort. Ein Museum für Zivilcourage. Die Lipkes hatten weder religiöse noch politische Motive. Für sie zählte schlicht die menschliche Pflicht. Die wog für sie schwerer als alle Gefahren. Hätte ich auch den Mut, mein eigenes Leben aufs Spiel zu setzen, um andere vor dem sicheren Tod zu bewahren? Solche Gedanken begleiten mich auf dem Weg zurück in die Altstadt.

Keine Fragen stellen

Ein anderer Ort, ein anderes Kapitel. Karosta, ein Vorort von Liepaja an der Ostseeküste von Kurzeme (dem früheren Kurland) ist längst keine verbotene Stadt mehr. Unbehagen beschleicht mich dennoch auf meinem Weg durch den ehemaligen Kriegshafen. Den Tip, hierher ganz in den Westen Lettlands zu fahren, hatte  ich von einem Freund. Von einst 20.000 Einwohnern ist nur ein Bruchteil übrig. Die Marinebasis Er hat hier die Macht: Der Aufseher im Karosta Militärgefängnis in Liepaja, Lettlandist Geschichte. Soldaten sind weit und breit nicht in Sicht. Dennoch kann sich, wer will, hier weiter kujonieren lassen. Ein kleines Privatunternehmen hat das frühere Militärgefängnis für die Nachnutzung als Museum wiederbelebt. Seither kommen von nah und fern Besucher, um sich einer skurrilen Prozedur zu unterziehen. Sie lassen ihre Menschenrechte pausieren und sich freiwillig eine Zeitlang als Gefangene einsperren, um einen fremdbestimmten und harten Alltag zu erleben. Authentisch nennt es der Guide.

Unser Animateur hat hier die Macht. Er entscheidet über das Wann, Was und Wie. Wenn er »Aufstehen« sagt, heißt das zack, zack. Mit aufgesetzter Gasmaske lassen sich die »Gefangenen« über den Hof jagen. Wer klagt, für den gibt es Extrarunden. Der »Wärter« hat recht. Das Karosta Militärgefängnis in Liepaja, LettlandImmer und ohne Ausnahme. So, wie das hier eben so war, als klare Hierarchien und bedingungsloses Befehlsgehorsam galten. Jede Art von Aufsässigkeit wurde von der Militärverwaltung – gleich, ob russisch, deutsch, sowjetisch oder lettisch – rigoros ausgetrieben. Die kann man sich in dem Beruf nicht leisten.

Ob er hier früher vielleicht tatsächlich einmal Aufseher war? „Wer bist du, dass du hier Fragen stellst?“ Ich bin auf der »sanften Tour« durch Karosta unterwegs: Besichtigung von Militaria und Zellen des Zuchthauses plus Anschnauzenlassen. Nur gut, dass ich nicht den Drill gebucht habe. Manche Erfahrungen muss man nicht selbst machen.

Weitere Infos:

Rigaer Museum und lettische Holocaust-Gedenkstätte: www.rgm.lv

Zanis-Lipke-Museum: http://lipke.lv

Karosta, Militärgefängnis: http://karostascietums.lv

 

Die Reise wurde unterstützt durch Air Baltic www.airbaltic.com

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