Werfenweng – ohne Auto mobil

Wir befinden uns im Jahre 2014 nach Christi. Die ganze Welt ist von vierrädrigen Blech- und Plastikkarossen besetzt, die CO2 ausstoßen und Lärm verursachen. Die ganze Welt? Nein, ein kleines Pongauer Dorf hört nicht auf, den Autos Widerstand zu leisten. Stattdessen dürfen seine Besucher – wenn sie nicht gerade per Pedes unterwegs sind – kostenlos mit Elektrofahrzeugen durch die Gegend düsen, auf Gaudi-Rädern strampeln oder mit ihrem ganz persönlichen Chauffeur die Gegend erkunden. 

Sanft mobil: WerfenwengSo oder so ähnlich könnte eine Geschichte über die energieeffiziente Gemeinde Werfenweng im Herzen des Salzburger Landes beginnen, die ihre Besucher seit 2006 aktiv ermutigt mit Bahn oder Bus anzureisen. Der Druide der Szene wäre in diesem Fall der seit mehr als 20(!) Jahren amtierende Bürgermeister Dr. Peter Brandauer, der mit viel Elan und Geduld seine Mitbürger davon überzeugt hat, dass es Sinn macht, einen Tourismus anzubieten, bei dem das Auto nicht die Hauptrolle spielt. Vor einer Einbuße an Mobilität brauchen Werfenweng-Urlauber dennoch keine Bange zu haben, denn ein ausgeklügeltes System sorgt dafür, dass sie genau das Fortbewegungsmittel bekommen, das sie jeweils brauchen.

Staufrei in die Berge

Urlaub stressfreiMit 200kmh rase ich auf Salzburg zu. Die Landschaft vor dem Panoramafenster zieht fast zu schnell vorbei, um sie gebührend zu bewundern. Die Sitze fühlen sich gut an. Keine Pedale behindern die Beinfreiheit. Statt einem Lenkrad ist ein Tisch mit einem Glas Prosecco vor mir, mit dem ich meinen Urlaubsbeginn im Railjet feiere. Nach dem Umsteigen am Salzburger Bahnhof geht es – deutlich langsamer – weitere 40km entlang der Salzach auf die Alpen zu. Vor dem Bahnhof Bischofshofen wartet bereits der Werfenweng Shuttle. Kostenlos bringt er alle Besucher, die per Bahn oder Bus anreisen und damit der Welt CO2 ersparen, auf das herrliche Hochplateau, das vor den steilen Wänden des Südlichen Tennengebirges endet. Mittlerweile sind das immerhin ein Viertel aller Gäste. „Warst beim Doktor, Hanni?“ fragt die Chauffeurin die schlicht gekleidete Frau, die mit mir in den Kleinbus steigt. „Ja, war eh schon Zeit,“ meint sie und zupft an ihrer beinernen Haarspange, die einen grauen Zopf in Spiralenform hält. Die klimaschonenden Fortbewegungsmöglichkeiten sind offenbar auch für die Werfenwenger eine gute Lösung. Der Weg aus Bischofshofen führt durch ein Spalier von Autohändlern und Tankstellen. Irgendwo neben der Straße hängt an einem alten Hotel unter dem Schild „Zimmer“ ein neues, auf dem „Swingerclub“ geschrieben steht. Harte Zeiten für den Tourismus, zumindest in den Regionen, die sich nicht an den weltweiten Trends orientieren.

Sanft unterwegs

Mit dem Smil-E Elektroauto durchs TennengebirgeDa ich per Bahn angereist bin, erhalte ich im Tourismusbüro gegen 8 Euro Verwaltungsgebühr meine SAMO-Card, und damit den Schlüssel zu einer Fülle von sanften Fortbewegungsmitteln, die mit Solarenergie, Muskelkraft oder „Biogas aus Wiesengras“ betrieben werden. Die deutsche Urlauberfamilie, die neben mir eincheckt, ist mit dem Auto angereist. Die Mama weiß Bescheid und gibt bereitwillig den Zündschlüssel ab. Brauchen wird sie ihn für die Dauer ihres Aufenthalts nicht mehr, vielmehr kommen auf diese Weise die SAMO-Vorteile zum tragen. Dazu gehört zum Beispiel der Elois, das Ortstaxi, das auf Abruf kostenlos zwischen 9.00 und 22.00 Uhr zur Verfügung steht. Und wenn die Füße nach einem langen Wandertag und einem noch längeren, gemütlichen Abendessen schmerzen, kommt das Werfenwenger Nachtmobil zum Einsatz. Ich leihe mir gleich einen der „Smile-E“ Elektroautos aus, um mir den etwas außerhalb gelegenen Solarpark anzusehen. Der kleine Zweisitzer liegt super auf der Straße und ist ganz schön flott unterwegs. Als ich mich vor dem Dorfplatz wieder einbremse, sind die Teenager der deutschen Familie bereits mit Elektromoped und Segway unterwegs. „Das ist klasse!“ grinst die 14-jährige Meike, als sie an mir vorbei gleitet. Nun habe ich auch Lust bekommen und schwinge mich auf einen Bigá, der frappant an einen römischen Streitwagen erinnert und mich aufs Neue in mein Asterix und Obelix-Kopftheater zurück versetzt. Jetzt sehe ich auch noch sieben junge Leute, die auf einem Rad im Kreis sitzen und eine Gaudi haben. Das kann aber auch an der würzigen Bergluft liegen. Kleopatra braucht Abkühlung. Die bekomme ich sofort im Wengsee, der mitten im Ort liegt. Der Eintritt ist schon wieder frei. Langsam gewöhne ich mich daran und nehme mir vor, morgen die geführte Nordic Walking-Wanderung entlang des Almlehrpfades oder zumindest die Kräuterwanderung mitzumachen.

Dem Himmel so nah

Tandemflug - auf Ikarus' SpurenIch laufe auf einen Abgrund zu. Eine für einen Menschen ohne Hang zum Suizid eher ungewöhnliche Situation. Knapp hinter mir schreit einer aus Leibeskräften „Renn weida!“. Dann fühlt es sich kurz so an, als ob meinem Helm Asterix-Flügel wachsen würden und wir heben ab zum Tandemflug mit dem Paragleiter. Alleine bin ich deswegen noch lange nicht mit meinem zünftig-feschen Fluglehrer. Wie immer wimmelt es auf der Bischlinghöhe, hoch über Werfenweng, von Ikarus-Jüngern, die im Minutentakt die raunende Anerkennung der Wanderer auf der Terrasse des Alpengasthofs auslösen. Wir landen wohlbehalten nahe der Talstation der Ikarus-Gondelbahn. Meine zittrigen Knie sagen mir aber, dass ich lieber am Halbtagsausflug in die Eisriesenwelt, zur Skisprungschanze von Bischofshofen oder auf die Burg Hohenwerfen teilgenommen hätte, die ebenso Teil des SAMO-Gratisangebots sind wie eine Tagestour nach Salzburg. Ich laufe auf einen Abgrund zu. Eine für einen Menschen ohne Hang zum Suizid eher ungewöhnliche Situation. Knapp hinter mir schreit einer aus Leibeskräften „Renn weida!“. Dann fühlt es sich kurz so an, als ob meinem Helm Asterix-Flügel wachsen würden und wir heben ab zum Tandemflug mit dem Paragleiter. Alleine bin ich deswegen noch lange nicht mit meinem zünftig-feschen Fluglehrer. Wie immer wimmelt es auf der Bischlinghöhe, hoch über Werfenweng, von Ikarus-Jüngern, die im Minutentakt die raunende Anerkennung der Wanderer auf der Terrasse des Alpengasthofs auslösen. Wir landen wohlbehalten nahe der Talstation der Ikarus-Gondelbahn. Meine zittrigen Knie sagen mir aber, dass ich lieber am Halbtagsausflug in die Eisriesenwelt, zur Skisprungschanze von Bischofshofen oder auf die Burg Hohenwerfen teilgenommen hätte, die ebenso Teil des SAMO-Gratisangebots sind wie eine Tagestour nach Salzburg.

 

Hütte sich wer kann

Luxushütte im TennengebirgeEin herzhaftes „Muh“ holt mich aus dem Schlaf. Urlaub am Bauernhof – klar. Am Leitingerhof, der nur ein paar Minuten zu Fuß vom Ortskern entfernt liegt, bestimmen Kühe, Hasen und ein bunter Gockelhahn mit seinem Gefolge den Tagesrhythmus. Und die vier Buben der Leitingers, deren Spielzeugdepot speziell das Herz der kleinen Gäste höher schlagen lässt. Werfenweng hat aber auch konventionelle Hotels und Pensionen, von denen die meisten Urlaub ohne Auto anbieten. „Das lohnt sich, denn viele Gäste kommen genau aus diesem Grund immer wieder“ freut sich meine Gastgeberin. Die Uhren scheinen in Werfenweng wirklich langsamer zu ticken, schon um dem überall plakatierten Slogan „Alle Zeit der Welt“ gerecht zu werden. Ich nehme mir Zeit für eine Wanderung. Obwohl die Auswahl an ‚wanderbaren’ Hütten groß ist, entscheide ich mich konditionsbedingt für die am tiefsten gelegene, die Gamsblickhütte am Fuße des Tennengebirges, wo Wirtin und Wirt so liebenswürdig sind wie alle Werfenwenger, und die Gamswürste mir mindestens so gut schmecken wie Obelix sein Wildschwein.

Alpine Perle Werfenweng:

Werfenweng ist eines der Vorzeigedörfer der insgesamt 29 (Stand Mai 2014) „Alpine Pearls“ in sechs Alpenländern. Alle Mitgliedsgemeinden sind bequem per Bahn und Bus erreichbar und setzen sich für Sanfte Mobilität, Klimaschutz und nachhaltigen Urlaub ein. Auf Wunsch übernehmen die Tourismusbüros die Planung der autofreien Anreise inklusive Abholservice. Bei vielen Pauschalen ist die Zugfahrt inkludiert.

Infos und Details über Werfenweng und die SAMO-Card: http://www.tourismus-werfenweng.at; http://www.alpine-pearls.com 

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