Australiens Northern Territory: Ganz viel Nichts

In einem Land, das mit 1,35 Millionen km2 unvorstellbare Dimensionen, aber kaum 200.000 Einwohner hat, wundert man sich als Mitteleuropäer über so mancherlei. Zum Beispiel, warum man in so einem riesigen, nahezu menschenleeren Gebiet überhaupt jemanden trifft. Das Schönste dabei ist: Alles ist spannend. Alle sind entspannt.

Weite soweit das Auge reicht - Australiens Northern TerritoryVerwirrend ist der Status des Northern Territory (NT) an sich. Anfangs fanden die Europäer eine Besiedlung zu mühsam, danach gehörte es unlogischer Weise zu Südaustralien. Wieder freigegeben, wurde es in der Zwischenkriegszeit ganz und gar ignoriert, ehe es endlich 1978 in eine Art Selbstverwaltung entlassen wurde. Heute ist es kein Bundesstaat, sondern ein Hoheitsgebiet, das sich seine eigenen Gesetze macht. Die Territorianer selbst sind unheimlich stolz auf ihren speziellen Status, der ihre gelebte Individualität und Exzentrik betont. Zudem steht das Territory mit seinen endlosen Horizonten, der faszinierenden Kunst und Kultur der Ureinwohner, seinen Postkartenlandschaften, dem arteinreichen Wildbestand und nicht zuletzt durch seine Weltnaturerbestätten wie den Kakadu- und den Uluru-Kata Tjuta Nationalpark für alles, was Australien für Naturfanatiker ausmacht.

Top End: Überdrüber

Stimmungsvoller Sonnenuntergang mit Multi-Kulti-Flair: Der Mindil Beach Sunset MarketDas Abenteuer Top End beginnt in Darwin, der 110.000 Einwohner großen Hauptstadt, deren Geschichte von drei riesigen Zyklonen und 21 Monaten japanischer Bombardierung geprägt ist. Ziemlich isoliert liegt sie am Ende des 2.735 km langen Stuart Highway, der von Südaustralien durch das Rote Zentrum nach Norden führt. Umso reger ist das Gesellschaftsleben der tropischen Metropole: Bier wie Konversation fließen in Strömen, speziell im Grätzel zwischen Mitchell und Smith Street. Die rund 50 verschiedenen Nationalitäten, die in der jungen Universitätsstadt leben, vermischen sich am stimmungsvollen Mindil Beach Sunset Market. Kulturelle Einblicke erlaubt das „Museum of the Northern Territory“, während der 60 km entfernte Wildlife Park einen Vorgeschmack auf die Flora und Fauna des Top Ends bietet. Als Tagesausflug empfiehlt sich der malerische Litchfield Nationalpark, zwei Autostunden südwestlich von Darwin. Rund vier Fahrstunden von Darwin liegt der Nitmiluk (Katherine) Gorge Nationalpark mit seinen 13 Schluchten. Die schönsten davon erschließen sich per Ausflugsboot oder – für Nervenstarke – bei einer abendlichen Krokodiltour, bei der man auf einer Sandbank Steaks isst, während nur ein paar Meter weiter riesige Süßwasserkrokodile (so genannte Freshies) dem Wildhüter Fleischfetzen aus der Hand reißen. Das unumstrittene Highlight der Region stellt in jedem Fall der 20.000 km2 große Kadadu Nationalpark dar, für den man unbedingt reichlich Zeit einplanen sollte. Unzählige Wanderwege führen auf Aussichtspunkte, zu uralten Höhlenmalereien wie in Ubirr oder Nourlangie Rock, zu Wasserfällen und einladenden Felsbassins. Schwimmen empfiehlt sich aber erst, wenn der Monsun vorbei ist und keine Schilder vor Krokodilen warnen, die sich in der Regenzeit oft in die Pools verirren und sich als ungeeigneter Gummientenersatz entpuppen könnten.

Aborigines erleben

Nahezu alle Nationalparks im Northern Territory liegen auf Aboriginal-LandWer sich bei einem Besuch in anderen australischen Bundesstaaten gewundert hat, wo die Ureinwohner eigentlich sind, dem bietet sich im Territory endlich die Chance zu Begegnungen, denn ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung ist mit mehr als 30 Prozent überdurchschnittlich hoch. Nahezu alle Nationalparks bzw. Sehenswürdigkeiten des Northern Territory liegen auf dem Land der verschiedenen Stämme und Clans wie Pitjantjatjara, Arrernte, Luritja, Warlpiri oder etwa Yolngu, die das Land an die australische Parkverwaltung verpachtet haben und jetzt lernen, es im touristischen Sinne selbst zu verwalten. Sehr leicht bekommt man sie freilich auch hier nicht zu Gesicht, da sie in der Regel äußerst  zurückhaltende Menschen sind und meist auf ihrem, in den 80er Jahren vom „weißen“ Australien zurückgegebenen Land nach alten Stammesgesetzen leben. Viele ihrer Riten und Kultstätten sind streng geheim. Eine gute Möglichkeit auf gleicher Augenhöhe in Kontakt zu kommen bietet sich u.a. im Kakadu Nationalpark. Dort kann man im Kulturzentrum von Muirella Park in kleinen Gruppen und legerem Rahmen den Erzählungen aus der Geheimnis umwobenen Schöpfungsgeschichte (Dreamtime) lauschen und auf diese Art ein wenig Ahnung von der faszinierenden, mindestens 40.000 Jahre alten Kultur bekommen. Bei den Bush Tucker Walks lernt man, wie und womit gejagt wird und wo es etwa lokale Delikatessen wie Witchety Grubs (proteinreiche Maden) oder die als Dessert geschätzten grünen Ameisen zu finden gibt. Wer möchte, kann sich auch am Didgeridoo versuchen oder sich im Gebrauch von Wurfhölzern und Bumerangs üben.

Alle lieben Alice

FlussEs ist unfair: Alice Springs kennt man, weil es jene Stadt ist, die Uluru (Ayers Rock) am nächsten liegt. Das stimmt zweifellos, dennoch sind es immerhin noch 460 km bis dorthin, während „The Alice“, wie die kleine Stadt an der 400 km langen MacDonnell Bergkette von ihren Bewohnern liebevoll genannt wird, mit einer Menge ungewöhnlicher Attraktionen aufwarten kann. Dazu zählt z.B. die „School of the Air“, das virtuelle Klassenzimmer für die Kinder im Outback, die via Internet unterrichtet werden. Interessant sind auch die „Royal Flying Doctors“, die Rettungs- und Versorgungsflüge zu Patienten im unzugänglichen Terrain organisieren. Der Desert Park gibt einen Überblick über Flora und Fauna der zentralaustralischen Wüsten, während ein Besuch im Cultural Precinct oder auf einer der umliegenden, gigantisch großen Rinderfarmen Geschichte und Lebensart des Territorys verständlich macht. Im August kann man zudem eine der schrägsten Veranstaltungen der Welt belachen: die jährliche Henley-on-Todd Regatta im ausgetrockneten Todd River, wo die Teilnehmer ihre selbstgebauten Boote durchs Sandbett rudern oder tragen.

Der Felsen und die Olgas

Weite soweit das Auge reicht - Australiens Northern TerritoryEndlich taucht am Horizont der große Felsen auf, wegen dem es die meisten Australien-Reisende in das rote Herz des Kontinents zieht. Ins rote Abendlicht getaucht, 3,6 km lang und 2,4 km breit erhebt sich Uluru 348 m hoch über die Sanddünen. Der Anblick versetzt Hunderte Touristen auf dem Aussichtsparkplatz in tiefe Andacht, die sich mit fortschreitendem Sonnenuntergang intensiviert. Kurz vor der Dämmerung ist überhaupt nur mehr das Klicken der Kameras zu hören. Als Besitzer des Nationalparks raten die Mitglieder des Anangu-Clan davon ab, den unwegsamen Felsen, der zudem hohen spirituellen Wert für sie besitzt, zu besteigen. Während die meisten Touristen das respektieren und stattdessen den Rundwanderweg am Fuße des Uluru und das Kulturzentrum erkunden, können es speziell asiatische Gäste immer noch nicht lassen, sich zum Gipfelfoto zu schleppen. Nur eine kurze Fahrt ist es zu den 36 runden Monolithen, Kata Tjuta (die Olgas) genannt, die wie riesige Köpfe dicht aneinander geschmiegt in der Wüste liegen. Eine dreistündige Wanderung durch die skurrile Felslandschaft wird mit zahllosen Fotomotiven belohnt.

Königliche Wanderung: Kings Canyon

Noch nicht genug gewandert? Dann auf zum Watarrka National Park, wo sich während einer vier Stunden langen Wanderung am Rand des Kings Canyon immer wieder neue Panoramen in Zinnoberrot komponieren. Die 100 m tiefe Schlucht ist besonders wegen ihrer spiegelglatten Wände bemerkenswert und eine der spektakulärsten Ansichten in Zentralaustralien. Die Reise zurück nach Alice führt durch die berüchtigte Simpson Wüste, wo aus dem Nichts wilde Kamele und Pferde auftauchen und ebenso unvermittelt wieder am Horizont verschwinden.


Highlights

Besuch am Mindil Beach Sunset Market (Darwin)
Wildlife Park und Litchfield Nationalpark (Tagesausflug ab Darwin)
Bootsfahrt durch die Nitmiluk Schlucht (Katherine Gorge Nationalpark)
Treffen mit den Aborigines im Kulturzentrum des Muirella Park (Kakadu Nationalpark)
Felsmalereien von Nourlangie (Kakadu Nationalpark)
Sonnenuntergang am Plateau von Ubirr (Kakadu Nationalpark)
Krokodil-Kreuzfahrt in den Yellow Water Wetlands (Kakadu Nationalpark)
Fotosession: Uluru bei Sonnenuntergang (Uluru-Kata Tjuta Nationalpark)
Wanderung durch den Kings Canyon (Watarrka Nationalpark)

NT auf die Schnelle

Größe: 1,35 Mio km2
Hauptstadt: Darwin
Einwohner: 200.000
Fliegen: angeblich 6 Trillionen
Beste Reisezeit: Mai – November
Fluginfo: Darwin erreicht man z.B. mit Qantas täglich ab Frankfurt und London via Singapur; der Flug ab Frankfurt dauert 16 Stunden
Zug: „The Ghan“ verbindet Darwin und Alice Springs mit Adelaide (Südaustralien); für die 2.969km braucht er 42 Stunden.
Info: www.australiasoutback.de

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