Wenn der Wald schweigt

Goldgelbe Blätter, ein Specht hämmert und die Herbstsonne steht tief im Gesicht. Der Wald von Biķernieki am Stadtrand von Riga ist ein besonderer Ort für einen Spaziergang. Zwischen den Kiefern liegen die Spuren eines der größten Verbrechen, die während der deutschen Besatzung Lettlands begangen wurden. Wie erinnert man an etwas, das man heute kaum noch sehen kann?

Es ist einer dieser Herbsttage, an denen man froh ist, noch einmal draußen unterwegs zu sein. Die Sonne scheint durch die Bäume, das Laub leuchtet goldgelb, und die Luft ist gerade so kühl, dass ich froh über meinen Wollpullover bin. Irgendwo klopft ein Specht. Von der nahen Umgehungsstraße rauschen die Autos herüber, trotzdem ist es hier auf eine merkwürdige Weise still. Nach einer Weile blende ich den Verkehr einfach aus. Vielleicht liegt es an dem Ort, an dem ich gerade unterwegs bin. Ich gehe durch den Wald von Biķernieki, etwa acht Kilometer vom Zentrum Rigas entfernt. Zwischen 1941 und 1944 ermordeten die Nationalsozialisten und ihre Helfer hier zehntausende Menschen: Juden aus Lettland und anderen europäischen Ländern, sowjetische Kriegsgefangene, politische Häftlinge und Zivilisten. Die genaue Zahl ist bis heute unklar. Unklar, damit beschreibt man die Grenzen unseres Wissens. Gerade dass sich die genaue Zahl der Opfer nicht mehr feststellen lässt, macht das Ausmaß des Verbrechens so erschreckend. Schätzungen reichen von 35.000 bis 46.500 Opfern. Menschen. Unklar ist eigentlich unfassbar. Während der Sowjetzeit wurden diese Schicksale vielfach verschwiegen. Der Wald blieb ein Naherholungsgebiet. Erst 2001 wurde eine Gedenkstätte eingeweiht, die der lettische Architekt Sergejs Rižs entworfen hatte. Sie liegt mitten zwischen den Bäumen und drängt sich niemandem auf. Man muss schon wissen, dass es sie gibt.

Stuttgart, Dortmund, Gütersloh

Über ein paar Stufen gelange ich zum zentralen Gedenkort. Tausende grob behauene Granitsteine stehen dicht beieinander, dazwischen schmale Wege. Über ihnen erhebt sich eine weiße Betonkonstruktion, unter der ein schwarzer Stein steht. Darauf ein Satz aus dem Buch Hiob: „Ach Erde, bedecke mein Blut nicht, und mein Schreien finde keine Ruhestatt!“ Auf dem Stein liegen kleine Kiesel, wie sie jüdische Besucher zum Gedenken an Verstorbene auf Gräbern hinterlassen. Zwischen den Granitsteinen entdecke ich Namen deutscher Städte: Stuttgart, Dortmund, Berlin, Gütersloh, Magdeburg. Orte, die ich kenne, in denen ich vielleicht schon einmal übernachtet habe. Von dort wurden Menschen nach Riga deportiert. Plötzlich ist das alles gar nicht mehr so weit weg.

Die Gedenkstätte erinnert mit Davidsternen, Kreuzen und Dornenkränzen an die verschiedenen Opfergruppen. Ich entdecke auch einen einzelnen großen Stein, vor dem jemand weiße Blumen abgelegt hat. Ein kleines Zeichen, das in diesem Wald fast untergeht. Etwas weiter abseits liegen niedrige Betoneinfassungen zwischen den Bäumen. Sie markieren die Massengräber, insgesamt 55 sind hier nachgewiesen. Die Einfassungen wirken fast versteckt, teilweise bedeckt von Laub. Wer hier einfach nur spazieren geht, könnte daran vorbeilaufen, ohne zu bemerken, was sich darunter befindet.

Ein Pflichtstopp für Reisebusse?

Ich bin allein hier, und finde ich das angenehm. Niemand redet, niemand macht Fotos, niemand erklärt mir, was ich empfinden soll. Aber ist das eigentlich gut? Müsste Biķernieki nicht zum Pflichtprogramm einer Riga-Reise gehören, genauso wie die Altstadt oder das Jugendstilviertel? Ein Reisebus nach dem anderen, Schulklassen, Stadtführer, die von den Deportationen erzählen? Andererseits stelle ich mir vor, wie eine Gruppe hier aussteigt, zwanzig Minuten durch die Anlage läuft und anschließend wieder zum Bus zurückmuss, weil das Mittagessen wartet. Auch keine besonders schöne Vorstellung. Aber vermutlich immer noch besser, als wenn niemand kommt.

Ich bleibe noch eine Weile zwischen den Bäumen stehen. Auf einem gelben Blatt am Boden haben sich Wassertropfen gesammelt. Die Sonne scheint darauf, als wäre es etwas Besonderes. Mit der Erinnerung ist es vielleicht ähnlich wie mit den Blättern im Herbst. Irgendwann fallen sie herunter, vergehen und werden von einer neuen Schicht bedeckt. Hier hat man immerhin versucht, das zu verhindern. Nicht mit einem riesigen Denkmal, das schon von Weitem zu sehen ist, sondern mit Steinen, Namen und den niedrigen Einfassungen im Wald. Ob das reicht? Ich weiß es nicht. Vielleicht müsste man viel öfter hierherkommen. Vielleicht müsste man vor allem öfter davon erzählen.

Plötzlich kommt ein Mann mit seinem Hund den Hügel heruntergelaufen. Der Hund schnüffelt am Wegrand, sein Besitzer geht weiter. Er reißt mich aus meinen Gedanken, und ich merke, wie lange ich hier schon stehe. Der Specht klopft noch immer. Auch das Rauschen der Autos schwappt wieder herüber.