Das kleine Wunder von Lahemaa

Blick vom Aussichtsturm des Viru-Moores

55 Jahre so alt ist Estlands ältester Nationalpark in diesem Frühjahr. Was als Jubiläumsveranstaltung begann, wurde für mich zu einer Reise durch eine Landschaft, in der sich Natur, Geschichte und Gegenwart auf ungewöhnliche Weise überlagern. Zwischen Mooren, Herrenhäusern und Fischerdörfern zeigt Lahemaa, dass Naturschutz manchmal mehr bewahrt als nur seltene Pflanzen und schöne Ausblicke.

Eigentlich bin ich wegen einer Konferenz nach Lahemaa gekommen. 55 Jahre wird Estlands ältester Nationalpark in diesem Jahr alt. Zwei Tage Vorträge, Diskussionen und Workshops im Herrenhaus Palmse, dazu Exkursionen durch den Park und Begegnungen mit Menschen, die hier leben und arbeiten. Ein Programm, wie man es von vielen internationalen Fachveranstaltungen kennt. Doch schon nach wenigen Stunden wird klar, dass die eigentliche Geschichte nicht die Konferenz ist. Sie beginnt auf einem Moorsteg.

Wo Estland sich selbst begegnet

Der Viru-Moorlehrpfad gehört zu den bekanntesten Naturzielen Estlands. Entsprechend viele Besucher sind unterwegs. Trotzdem legt sich nach wenigen Minuten eine erstaunliche Ruhe über die Gruppe. Das Moor verschluckt Geräusche. Vor uns ziehen sich die Holzbohlen durch eine Landschaft, die auf den ersten Blick unspektakulär wirkt. Niedrige Kiefern, dunkle Wasserflächen, Wollgras und ein weiter Himmel. Nichts Spektakuläres. Und vielleicht gerade deshalb typisch estnisch. Wer Estland verstehen möchte, muss seine Moore verstehen. Sie gehören zum nationalen Selbstbild wie die Seen zu Finnland oder die Alpen zur Schweiz. Während wir über den Steg laufen, wird mir wieder bewusst, wie sehr dieses Land von Weite und Stille geprägt ist. Selbst dort, wo Besucher unterwegs sind, bleibt Raum für Gedanken. Vielleicht ist das auch einer der Gründe, warum Lahemaa für viele Esten mehr ist als ein Nationalpark.

Das Herrenhaus Palmse, ein Palast der deutsch-baltischen Familie von der Pahlen

Der Nationalpark, der eigentlich nicht entstehen durfte

Während wir später Richtung Palmse fahren, denke ich an die Geschichte dieses Ortes. Heute wirkt alles selbstverständlich. Die geschützten Wälder. Die Küste. Die historischen Dörfer. Die restaurierten Herrenhäuser. 1971 war davon wenig selbstverständlich. Lahemaa wurde am 1. Juni jenes Jahres gegründet – als erster Nationalpark der gesamten Sowjetunion. Dass dies überhaupt möglich wurde, grenzt rückblickend an ein kleines Wunder. Große Teile der Nordküste waren damals Grenzgebiet. Besucher benötigten Sondergenehmigungen. Militärische Einrichtungen lagen nur wenige Kilometer entfernt. Mit Loksa befand sich eine Industriestadt mit Schiffswerft innerhalb des geplanten Schutzgebiets. Und dann waren da noch die Herrenhäuser: Palmse, Sagadi, Kolga oder Vihula zählen heute zu den bekanntesten historischen Bauwerken Estlands. Doch ihre Geschichte war politisch kompliziert. Über Jahrhunderte gehörten sie deutschbaltischen Adelsfamilien, die das Land kulturell, wirtschaftlich und architektonisch prägten. Gleichzeitig beruhte ihr Wohlstand lange Zeit auf der Arbeit estnischer Leibeigener. Allein darin steckt genügend Stoff für einen eigenen Artikel. Die Rolle der Deutschbalten lässt sich weder auf romantische Gutshofgeschichten reduzieren noch auf die sowjetische Erzählung von den „Ausbeutern der Bauern“. Wie so oft in der Geschichte liegen Licht und Schatten nah beieinander. Dass ausgerechnet diese Herrenhäuser zu einem zentralen Bestandteil eines sowjetischen Nationalparks werden sollten, war jedenfalls alles andere als selbstverständlich. Zu verdanken ist die Gründung Lahemaas Menschen wie dem Naturschützer Jaan Eilart, dem Denkmalpfleger Veljo Rannik und dem stellvertretenden Ministerpräsidenten Edgar Tõnurist. Sie nutzten ein politisches Zeitfenster, das sich möglicherweise nur für wenige Jahre geöffnet hatte. Heute erscheint ihre Idee visionär. Damals war sie vor allem mutig.

Schild mit Aufschrift Lahemaa Rahvuspark

Palmse und die Kraft guter Entscheidungen

Als wir am Nachmittag die lange Auffahrt nach Palmse entlangfahren, wirkt das Herrenhaus fast zu perfekt für die Geschichte, die hier erzählt werden soll. Weiße Fassaden. Ein gepflegter Park. Wirtschaftsgebäude, die ein geschlossenes Ensemble bilden. Besucher aus aller Welt. Doch der Eindruck täuscht. Denn Palmse verdankt seinen heutigen Zustand nicht jahrhundertelanger Kontinuität, sondern einer Entscheidung aus den frühen 1970er Jahren. Mit der Gründung des Nationalparks begann auch die systematische Restaurierung des Gutes. Ohne Lahemaa sähe Palmse heute vermutlich völlig anders aus. Während wir durch die Gebäude gehen und später das Besucherzentrum des Nationalparks besichtigen, wird deutlich, wie ungewöhnlich das Konzept bis heute ist. In vielen Ländern trennt man Natur- und Denkmalschutz voneinander. In Lahemaa gehören beide zusammen. Vielleicht erklärt das auch den besonderen Charakter des Parks. Hier werden nicht nur seltene Arten geschützt, sondern ganze Kulturlandschaften.

Mehr als schöne Landschaften

Der Hafen von Vergi

Am Abend fahren wir nach Altja. Das alte Fischerdorf gehört zu jenen Orten, die man auf Fotos sofort wiedererkennt. Holzhäuser, Bootsschuppen, ein kleiner Weg entlang der Küste. Das Meer liegt ruhig vor uns. Später sitzen wir im Hafenrestaurant von Vergi. Hier treffen wir Kelli und Lauri, zwei junge Unternehmer aus der Region. Während draußen die Sonne langsam tiefer sinkt, sprechen wir über Landwirtschaft, Tourismus und das Leben auf dem Land. Es sind genau diese Gespräche, die viele der großen Begriffe greifbar machen, die am nächsten Tag auf der Konferenz fallen werden: Nachhaltigkeit. Regionale Entwicklung. Lokale Gemeinschaften. Auf PowerPoint-Folien wirken solche Begriffe oft abstrakt. In Vergi bekommen sie Gesichter.

Ein baltisches Netzwerk für die Zukunft

Der eigentliche Anlass unseres Besuchs folgt am nächsten Tag im Herrenhaus Palmse. Vertreter von Nationalparks, Wissenschaftler, Tourismusorganisationen und lokale Initiativen aus Estland, Lettland und Litauen diskutieren über nachhaltigen Tourismus, Klimaanpassung, Renaturierung und Bürgerbeteiligung. Die Themen sind international. Die Herausforderungen ebenfalls. Besonders spannend finde ich jedoch die Gespräche in den Pausen. Dort wird deutlich, dass viele Nationalparks vor ähnlichen Fragen stehen. Wie schützt man Natur, ohne die Menschen auszuschließen, die dort leben? Wie schafft man Einkommen, ohne die Landschaft zu zerstören? Und wie verhindert man, dass beliebte Regionen am Ende an ihrem eigenen Erfolg leiden? Der Höhepunkt der Konferenz ist die Unterzeichnung eines Kooperationsabkommens zwischen den Tourismusnetzwerken von neun baltischen Nationalparks. Lahemaa, Soomaa, Matsalu, Alutaguse, Vilsandi, Karula sowie Gauja, Ķemeri und Aukštaitija wollen künftig enger zusammenarbeiten. Das klingt zunächst nach Verwaltungssprache. Tatsächlich könnte daraus etwas Interessantes entstehen. Ein gemeinsamer Besucherpass ist im Gespräch, ebenso gemeinsame Schulungen, Marketingmaßnahmen und Veranstaltungsprogramme. Vor allem aber entsteht ein Netzwerk von Menschen, die ähnliche Ziele verfolgen. Als am Abend die Vereinbarung unterzeichnet wird und anschließend eine junge Folkloregruppe auftritt, schließt sich für mich ein Kreis.

Vor 55 Jahren entstand Lahemaa durch eine ungewöhnliche Allianz von Naturschützern, Denkmalpflegern und Politikern. Heute versucht der Park erneut Menschen zusammenzubringen – diesmal über Landesgrenzen hinweg. Vielleicht ist genau das sein größter Erfolg. Denn Lahemaa schützt nicht nur Moore, Wälder oder Küstenlandschaften. Der Park bewahrt Erinnerungen, Geschichten und Lebensweisen. Er verbindet Natur und Kultur in einer Weise, die heute moderner wirkt als viele neue Konzepte. Und vielleicht ist das eigentliche Wunder von Lahemaa nicht, dass der Nationalpark 1971 gegründet wurde. Sondern dass die Idee dahinter auch 55 Jahre später noch erstaunlich lebendig ist.

Volkstanz in Lahemaa